Wie im vorangegangen Beitrag angedeutet soll es nun um konkrete Ausprägungen von Kulturen, die in einem Projekt kollidieren können, gehen. Wohlgemerkt es geht nicht um internationale Kulturunterschiede sondern um versteckte Ausprägungen von Subkulturen, die gerade wegen ihrer Unauffälligkeit für besonders hartnäckige Konflikte sorgen können. Um die Kulturen besser beschreiben zu können möchte ich das bisher verwendete Kulturmodell um die von Hofstede1 eingeführten Kulturdimensionen ergänzen. Es handelt sich um 5 Parameter mit denen eine “Kultur” beschrieben werden kann:
  • Power Distance Index – PDI / Machtdistanz Die Machtdistanz beschreibt die Erwartungen bzgl. Machtverteilung. Ein hoher Wert für die Machtdistanz steht für eine ungleich Machtverteilung.
  • Individualism – IDV / Individualismus und Kollektivismus Hier entspricht ein niedriger Wert einer netzwerkartigen, kollektiven Gesellschaft, ein hoher Wert einer selbstverantworteten und selbstbestimmten Individuen.
  • Masculinity versus Femininity MAS / Männlichkeit vs. Weiblichkeit Ein hoher Wert entspricht der Dominanz der “männlichen” Werte Konkurrenzbereitschaft und Selbstbewusstsein, ein niedriger Wert entspricht den weiblichen Werten Fürsorglichkeit, Kooperation und Bescheidenheit.
  • Uncertainty Avoidance Index – UAI / Unsicherheitsvermeidung beschreibt die Bereitschaft Risiken einzugehen.
  • Long-Term Orientation – LTO / Lang- oder kurzfristige Ausrichtung beschreibt den zeitlichen Planungshorizont einer Gesellschaft.
Derartige Modelle und Parameter sollten nicht zur Beschreibung oder Klassifikation von Kulturen verwendet werden, da sie individuelle Eigenschaften und Prägungen (z.B. aus der Familie) der Menschen nicht berücksichtigen. Die Modelle können jedoch helfen das unterschiedliche Verhalten von Menschen, die aus unterschiedlichen Subkulturen stammen, besser zu verstehen. In diesem Sinne möchte ich zum Ausgangspunkt zurückkommen und verschiedene subkulturelle Eigenschaften näher beleuchten. Das Gefühl im Projekt mit Außerirdischen zusammen zu arbeiten obwohl es sich um Kollegen aus der gleichen Firma handelt, rührt also von unterschiedlicher (sub)kultureller Herkunft her. Ich möchte dies an den genannten Parametern verdeutlichen. In einigen Sätzen mag ein wenig aus gemachten Erfahrungen resultierende Ironie durchschimmern. Beim (hoffentlich) schmunzelnden Nachdenken entstehen jedoch leichter Aha-Effekte, die bisherige Projekterfahrungen in anderem Licht erscheinen lassen. Zudem vermeide ich es damit auf akademische Beipiele zurückzugreifen. In einem typischen E-Commerce Projekt eines mittleren Unternehmens können solche Konstellationen schon voll zum Tragen kommen. In einem solchen Projekt werden Mitarbeiter aus der Unternehmensführung, Marketing, Vertrieb, IT, Betriebswirtschaft usw. beteiligt sein. Nun aber zu den einzelnen Parametern: Die Machtdistanz ist ein Parameter, der stark von der Entfernung zur Unternehmensführung abhängt. Mitarbeiter in Zentralbereichen, die direkt der Geschäftsführung unterstellt sind, akzeptieren Machtgefälle leichter als jene, die in der x-ten Hierarchiebene, die in sich hierarchisch flach organisiert ist, arbeiten. Männlichket vs. Weiblichkeit. Komplex und einfach zu gleich. Es gibt definitiv Abteilungen in denen sich die Geschlechterverteilung stark unterscheidet, dies kann (muss aber nicht) einen Einfluss auf die in der Abteilung vorherrschenden Werte haben. Auf jeden Fall werden berufsgruppenspezifische Unterschiede hier ihren Niederschlag finden. So stereotyp es sich anhören mag, es lohnt sich zu überlegen ob ein(e) Projektmitarbeiter(in) aus einer Abteilung stammt, die eher frauen- oder männertypische Berufe hat. Diese Betrachtung hat nichts mit einer Bewertung zu tun oder damit, ob man diese Stereotypen für angemessen oder richtig hält. Es soll hier lediglich um ein besseres Verständnis gehen. Individualismus und Kollektivismus unterscheiden sich ebenfalls von Berufsgruppe zu Berufsgruppe manchmal sogar innerhalb von einzelnen Tätigkeitsbereichen. Beispielweise haben IT-Administratoren hier ein anderes Verständnis als Software-Entwickler. Bei der Unsicherheitsvermeidung gibt es ebenfalls massive Unterschiede innerhalb einzelner Berufsgruppen. Software-Entwickler für webbasierte Systeme oder gar designlastige “HTML/CSS Entwickler” unterscheiden sich bzgl. der Unsicherheitstoleranz von einem Großrechner-Systemadministrator um Welten. Selbst zwischen Verfechtern unterschiedlicher Prorammiersprachen lassen sich hier Unterschiede erkennen. Die Lang- oder kurzfristige Ausrichtung führt uns nochmals zu den Abteilungen zurück. Kreative Marketing-Spezialisten, die von Kampagne zu Kampagne arbeiten, haben hier eine völlig andere Auffassung als Mitarbeiter aus dem Controlling oder der Unternehmensentwicklung. Die genannten Charakteristika sind völlig wertfrei zu verstehen, die einzelnen Ausprägungen sind für die tägliche Arbeit im beruflichen Umfeld eingebettet in der jeweiligen Abteilung von großer Bedeutung und ermöglichen das Funktionieren der Tagesarbeit. Im Projekt kann die Unterschiedlichkeit dieser Eigenschaften jedoch zu Konflikten führen. Alle schwäbischen Kollegen der selben Firma haben mitnichten das selbe Führungsverständnis (Machtdistanz) oder das gleiche Bewusstsein bzgl. gegenseitiger Unterstüzung (Kollektivismus). Manches Projektleitungsproblem erscheint so in neuem Licht. Kulturelle Konflikte können also subtiler und versteckter als die “offensichtliche” international-kulturelle Zugehörigkeit sein. Für das Zusammenspiel innerhalb eines Projektteams sind diese subtilen Unterschiede oft gefährlicher als die offensichtlichen. Und wie gehts weiter? Die folgenden Beiträge werden zwei Schwerpunkte haben. Einerseits werden konkrete Projekt-Typen analysiert, die sich durch besonders große Kulturunterschiede bzw. teilweise paradoxe Kulturkonstellationen auszeichnen. Der andere Schwerpunkt wird sich der Praxis d.h. der Kulturanalyse und dem interkulturellen Konfliktmanagement widmen.
  1. Hofstede, Geert (2001) Culture’s Consequences – Comparing Values, Behaviors, Institutions and Organizations Across Nations, 2. Auflage, Thousand Oaks, London, Neu Delhi 2001 []