Agiles und klassisches Projektmanagement: Menschen, Prozesse und Führungsphilosophie

Wie schon im vorangegangenen Artikel erwähnt betrachte ich Agilität eher als Geisteshaltung denn als rein methodischen Ansatz. Am ersten Punkt des agilen Manifests
Individuals and interactions over processes and tools
 
möchte ich dies verdeutlichen. Mit “individuals” sind die Menschen gemeint. Die “interactions” sind wechselseitige Kommunikation und die daraus entstehenden Beziehungen der Menschen. Die Kommunikation, der Erfahrungs- und Wissens-Austausch und die gemeinsamen Erfahrungen lassen ein Netzwerk von Beziehungen entstehen. Dieses Netzwerk ermmöglicht eine kooperative Zusammenarbeit und lässt etwas entstehen das mehr ist als die Summe der Einzelnen. Deshalb gehören die Menschen, die Kommunikation zwischen ihnen und ihre Beziehungen zusammen. Das ist die Bedeutung von “individuals and interactions”. Und das soll im Zweifelsfalle wichtiger sein als Prozesse und Werkzeuge? Ja! Und wiederum gilt es einem Vorurteil entgegen zu treten: Prozesse und Werkzeuge werden nicht negiert sondern lediglich im Zweifelsfalle zurückgestellt bzw. nach Prüfung modifiziert um sie passender zu machen. Es wird das Prinzip “inspect and adapt” angewendet. Diese Priorität macht den Unterschied aus. Lasse ich einem Projektteam in einem konkreten Projekt die Freiheit etwas anders zu machen, als es sonst in der Firma üblich ist oder setze ich durch, dass sich das Team an alle “Regeln” hält. Ganz plakativ ins Bild gebracht sieht der Unterschied folgendermaßen aus: interactions over processes Ein drastisches Bild, das den prinzipiellen Unterschied aber deutlich macht. Die Menschen gestalten ihre Gruppe und ihren Prozess, oder die Menschen ordnen sich dem Prozess unter. Die Wahl der agilen Variante setzt voraus, dass ein Grundvertrauen vorhanden ist, dass die meisten MitarbeiterInnen aus eigenem Antrieb im Sinne des Projektes arbeiten wollen. Die (überspitzt formulierte) Antithese zu diesem Grundvertrauen ist die Annahme, dass alle MitarbeiterInnen zur Arbeit gezwungen werden müssen. Das sind nicht nur zwei paar Stiefel, der Unterschied ist so groß wie der zwischen Stiefel und Sandale. Das bedeutet, dass sich “Agiles Projektmanagement” nicht so einfach einführen lässt wie ein neues Werkzeug. Das Grundvertrauen in die Fähigkeiten der Menschen muss vorhanden sein. Der Versuch Vorgehensweisen wie SCRUM ähnlich wie einen neuen Prozess einzuführen wird scheitern. Wenn die ersten Schritte bereits getan sind muss in größeren Organsiationen dafür gesorgt werden, dass die die zu Beginn entstehenden agilen Inseln geschützt werden. Und es gibt noch einen weiteren Punkt zu bedenken. Obwohl ich selbst ein Anhänger agiler Vorgehensweisen bin, erhebe ich doch warnend den Finger. Nicht jeder Prozess lässt sich beliebig umgestalten, es gibt auch Prozesse, die sich nicht für Agilität eignen. Das heißt es kann richtig Sinn machen mit agilen Inseln im klassischen Meer zu arbeiten. Ãœber diese agilen Inseln werde ich in einem der nächsten Beiträge noch etwas schreiben.
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