Bricht hier jetzt der Missionierungseifer aus, trete ich der agilen Religion bei und werde zum Propheten? Ich bin durchaus ein Anhänger des agilen Manifestes insbesondere des Punktes “teams and interactions over processes and tools” und eine gefühlte Erfahrung, dass agile Ansätze sehr gut wenn nicht sogar besser als klassische funktionieren, habe ich auch. Dabei will ich es aber nicht belassen. Inzwischen liegen mir auch Zahlen vor. Nebenstehend ist nochmals eine Aufschlüsselung der Vorgehensweisen nach erfolgreichen bzw. nicht erfolgreichen Projekten gezeigt. Die Zahlenbasis entspricht der detaillierten Aufschlüsselung im vorangegangenen Beitrag, die explizit benannten agilen Vorgehensweisen wurden für diese Darstellung zusammengefasst und ein Teil der Mehrfachnennungen ausgeschlossen. Agile Vorgehensweisen werden offensichtlich häufiger in erfolgreichen Projekten eingesetzt. Lässt sich aus obiger Grafik der Schluss ziehen, dass agile Vorgehensweisen per se besser sind? Nein. Meine Interpretation ist eine andere: Agile Vorgehensweisen sind in den meisten Fällen adäquater, weil viele Projekte agil sind! Im aktuellen Fragebogen ist auch eine kleine und entscheidende Frage enthalten: “Waren die Anforderungen bereits zu Beginn des Projekts bekannt?” Die Antworten zeigt die zweite Grafik. Nur in rund 7% der untersuchten Projekte waren alle Anforderungen zu Beginn bekannt. In knapp 26% waren zumindest 80% der Anforderungen bekannt. In allen übrigen wurde ein wesentlicher Teil der Anforderungen erst im Laufe des Projektes ermittelt. Mit anderen Worten nur in einem Drittel der Projekte wäre eine klassische Vorgehensweise (Planung – Changemanagement – Plananpassung) angebracht. Spätestens wenn die Hälfte der Anforderungen erst im Laufe des Projektes ermittelt werden (können) sollte man sich eingestehen, dass der erste Projektplan, der immer noch oft genug als das Maß der Dinge gesehen wird, nur eine erste Näherung gewesen sein kann. Es wäre ehrlicher und dem Projekterfolg dienlicher richtig agil zu arbeiten. Ich interpretiere die scheinbar höhere Erfolgsquote agiler Vorgehensweisen also folgendermaßen: In vielen Projekten lassen sich aus unterschiedlichen Gründen die Anforderungen erst im Laufe des Projektes klären. Wenn agile Vorgehensweisen gewählt werden ist schlicht und ergreifend die Wahrscheinlichkeit höher die Anforderungen richtig aufzunehmen und umzusetzen. Es gibt jedoch nach wie vor Projektsituationen in denen klassische Methoden besser sind – wenn die Anforderungen tatsächlich schon weitgehend zu Beginn klar sind macht eine agile Vorgehensweise wenig Sinn. Es gilt daher rechtzeitig zu entscheiden welche Vorgehensweise für das konkrete Projekt die passendere ist.