Nach der Fragestunde mit Edward Snowdon schwappt wieder eine kleine Aufmerksamkeitswelle in Sachen Ãœberwachung über die Ufer der Gleichgültigkeit. Ich teile die Einschätzung, dass die verdachtslose Ãœberwachung möglichst vieler Menschen eine größere Gefahr für Freiheit und Demokratie darstellt als es Terroristen jemals sein könnten. Dennoch greift die allseitige und doch halbherzige Empörung über die Geheimdienste und ihre Auftraggeber für mich zu kurz. Dem Wahn möglichst viel zu erfassen und zu überwachen geben sich nicht nur Geheimdienste hin. Der Kommerz im Web ist ein nicht zu unterschätzender Mit-Beobachter wenn nicht Zuarbeiter der Geheimdienste. Das ist mir diese Woche nach der Installation eines neuen Browser-Plug-Ins bewusst geworden. Das Plug-In ghostery zeigt auf (und blockiert ggf.) wenn Webseiten in Systemen Dritter Daten speichern. Prominentester Kandidat ist Google Analytics, das auf sehr vielen Webseiten zum Einsatz kommt. Google Analytics ist sehr bequem und liefert umsonst schön aufbereitete Statistiken über die Zugriffe auf die jeweilige Webseite. Insofern ist es verständlich Analytics zu nutzen – oder? Dann kommt noch ein Werbetool, die eine oder andere Social-Media-Verbindung, vielleicht noch die VG Wort und noch “dies” oder “das” dazu. So kommt leicht ein Dutzend Satelliten-Systeme zusammen in denen Daten gespeichert werden sobald der Anwender auch nur einen Klick gemacht hat. Ein Selbstversuch nach 3 Klicks auf Seiten, die ich regelmäßig besuche, ergab 35 Drittsysteme in denen Daten gespeichert werden:
24/7 Media As Network, As Spirit, Adition, AdRoll, Adnologies, Audience Science, AppNexus, Chart Beat, Digital Analytix, DoubleClick, Ensighten, Facebook Connect, Faceboook Exchange (FBX), Facebook Social Plugins, Google Adsense, Google AdWords Conversion, Google Analytics, Improve Digital, INF Online, Krux Digital, Ligatus, Meetrics, NetRatings SiteCensus, Nugg Add, Optimizely, Quisma, ScoreCard Research Beacon, Refines Labs, Twitter Button, veeseo, Unister, VG Wort, Webtrekk, Webtrends, Yieldab
  Um die Begriffe Datenschutz und Auftragsdatenverarbeitung kümmern sich offensichtlich nur wenige Betreiber von Webseiten. Zumindest habe ich in den Datenschutzerklärungen der fraglichen drei Test-Seiten nichts über vertragliche Regelungen zwischen den Seitenbetreibern und den Anbietern der genannten Systeme gefunden. Insofern klingt der Standard-Satz
… versichern wir, dass Ihre Daten gemäß den geltenden Datenschutzbestimmungen, dem Bundesdatenschutzgesetz, dem Telemediengesetz sowie weiteren datenschutzrechtlicher Bestimmungen genutzt werden.
  wie eine politische Floskel. Wenn personenbezogene Daten in einem Dutzend Drittsysteme gespeichert und verarbeitet werden handelt es sich definitiv um Datenverarbeitung im Auftrag für die das Bundesdatenschutzgesetz eindeutige Regelungen vorsieht. Diese Regeln werden inzwischen wohl als unwichtiges Beiwerk abgetan. Die Datenschutzfloskel wird zum Hohn. Vielleicht sollten sich auch manche kleinere bzw. nicht-professionelle Betreiber von Webangeboten die Frage stellen ob nicht eine etwas datensparsamere Haltung besser wäre. Skurril wird das ganze wenn ghostery in einem kritischen Blog-Artikel zur Ãœberwachung knapp 20 Warnhinweise ausgibt. Die Geheimdienste freuen sich auf jeden Fall. Sie müssen mitnichten alles selber aufzeichnen und analysieren. Sie bekommen riesige Datenbanken mit vorstrukturierten Daten, die sich elegant zusammenführen lassen und sehr viel über das Verhalten der Anwender preisgeben. Das schönste dabei – die Kosten der Infrastruktur und des Speicherplatzes werden zum Teil von der Privatwirtschaft und den Anwendern selbst getragen. Vielleicht wäre weniger manchmal wirklich mehr.