Die Kollegen vom PM Camp Berlin haben zur Blogparade aufgerufen. Ihr diesjähriges Motto lautet Komplexität – reduzieren oder erhöhen? Wenn ich mich dem Thema Komplexität annähere, ist mein erster Gedanke Komplexität überhaupt zu erkennen. Um sie zu erkennen muss zuerst der Begriff klar sein:1

Komplexität bezeichnet allgemein die Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt.

Der Begriff leitet sich ab von lateinisch complexum, Partizip Perfekt von complecti ‚umschlingen‘, ‚umfassen‘ oder ‚zusammenfassen‘. Dabei handelt es sich um ein Kompositum aus der Präposition lateinisch cum ‚mit‘, oder ‚zusammen mit‘ und plectere ‚flechten‘ oder ‚ineinander fügen‘ im Sinne von ‚verflochten‘, ‚verwoben‘.

Es geht also um Systeme, die eine Vielzahl von miteinander wechselwirkenden Einzelkomponenten enthalten. Wenn die Komponenten und / oder Wechselwirkungen nicht bekannt sind, heißt das noch nicht, dass das System komplex ist. Es ist erst dann komplex wenn auch mit vollständigem Wissen eine Beschreibung oder Vorhersage des Verhaltens nicht möglich ist.

Unwissenheit macht also noch keine Komplexität.

Zu Beginn jedes Projektes besteht die Hauptaufgabe darin Unbekanntes aufzufinden. Erst im Laufe des Projektes kann zwischen Kompliziertheit und Komplexität unterschieden werden. Um nicht gleich vom Schlimmsten auszugehen, könnten mann/frau mit der Annahme beginnen, dass es „nur“ kompliziert werden wird. An dieser Stelle möchte ich noch auf einen älteren Text verweisen, in dem ich auf die Unterscheidung zwischen kompliziert und komplex eingehe: Komplexität wird überbewertet

Meines Erachtens wird zu oft mit zu hohem Einsatz gegen nicht vorhandene Komplexität gekämpft. Wenn es dann mal wirklich komplex wird, helfen ohnehin nur Vereinfachung bzw. schlanke Methoden und Werkzeuge. Wenn der Komplexität mit komplizierten Methoden begegnet wird, kommen nur weitere Variablen ins Spiel, die das System noch unvorhersehbarer machen.

In diesem Zusammenhang fällt mir eine historische Science-Fiction Geschichte von Stanislaw Lem2 ein. In der Geschichte Ananke3 beschreibt er den Absturz eines neuen Raumschiff-Typs. Die Ursache für den Absturz liegt im Hauptcomputer, der versucht die Situation mittels umfassender Abfragen aller technischen Parameter in den Griff zu bekommen und sich dabei selbst die Rechenkapazität beschneidet, bis er nicht mehr in der Lage ist, in Echtzeit zu reagieren.4 Als die Protagonisten der Geschichte den Unfall analysieren wird ein Vergleich mit einem General gezogen, der immer mehr Soldaten als Melder und Kundschafter abstellt, um besser informiert zu sein und am Ende nicht mehr genügend Truppen zum Kämpfen hat und dadurch die Schlacht verliert. Ich denke wir sollten in komplexen Kontexten diesen Fehler nicht begehen sondern mehr Mut zur Lücke zeigen.

Auf dem PM Camp Berlin von 10. bis 12. September 2015 besteht die Gelegenheit sich diesen Mut zu holen.

 

  1. Wikipedia Komplexität []
  2. Stanislaw Lem: Pilot Pirx, Erzählungen []
  3. Wikipedia: Pilot Pirx, Ananke []
  4. Ein derartiger Effekt trat z.B. durch einen Fehler im Handbuch auch bei der Mondladung von Apollo 11 auf. []