Sachfragen und Entscheidungen sind ein Widerspruch in sich. Genau genommen gibt es in Projekten keine Sachfragen. Eine Aufgabe wie 1 + 1 = … wäre eine echte Sachfrage. Diese kann ausgerechnet und muss nicht entschieden werden. Umfangreichere Fragestellungen können, selbst wenn sie noch so klar erscheinen mögen, nicht ausgerechnet werden. Entscheidungskriterien und Prioritätslisten vermitteln nur eine scheinbare Sachlichkeit. Selbst wenn mit großer Umsicht Entscheidungskriterien definiert, diese womöglich noch sorgfältig priorisiert werden wird dennoch eine Lücke bleiben, die dann eine Entscheidung erfordern wird. Am einfachen Beispiel einer zu beschaffenden Kaffeemaschine wird es deutlich. – Es wird eine Kaffeemaschine benötigt. – Der Kaffee soll warm gehalten werden können. – Inhalt der Kanne mindestens 1 Liter. – Sie soll einen Tropfschutz haben. – Sie soll blau sein. – Sie soll energiesparend sein. – Sie darf nicht mehr als 70 Euro kosten. – Made in Germany ist wichtig – Sie soll ein ansprechendes Design haben. Unter Umständen wird es schon schwierig überhaupt eine Kanne zu finden, die allen Kriterien entspricht. Welches Kriterium kann als erstes wegfallen oder sind vielleicht doch 75 Euro möglich. Oder passt eine weiße auch ins Designerbüro. Vielleicht wird man das Problem lösen, indem man einen Kollegen losschickt die Maschine zu besorgen. Wenn sie dann aufgebaut ist geht die Fragerei los, warum hat sie eine Warmhalteplatte statt einer Thermoskanne, das spart Strom, andererseits ist die Thermoskanne kleiner als eine dünnwandige Glaskanne, so reicht es für eine Tasse mehr usw. Wenn der Einkäufer ein akzeptierter Entscheider ist, wird er ein gutes Argument auffahren warum er diese Maschine gewählt und es wird Ruhe einkehren. Wie viel schwieriger ist es, wenn innerhalb eines Projektes eine Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Software fallen muss. Welche Datenbank, welches Modellierungswerkzeug, welcher Bugtracker, Excel oder Access … immer wird es Anforderungslisten und Unterteilungen in “must have” und “nice to have” Kriterien geben. Aber wie bei der Kaffeemaschine werden diese Listen nie vollständig sein und in den seltensten Fällen sind die Priorisierungen wirklich verlässlich. Jedes Versteckspiel hinter Kriterien hat irgendwann ein Ende. Dann sind Entscheidungen gefragt. Das letzte Zünglein an der Waage der Entscheidung ist dann oft die Intuition, die Erfahrung oder das oft beschworene Bauchgefühl. Bis jetzt habe ich nur über die einfachen Fragen geschrieben, die wirklich einen Sachfragen-Kern hatten. Spannender wird es, wenn die Kriterien nicht mehr messbar sind. Wenn ein Dienstleister ausgewählt werden oder ein Projektteam besetzt werden soll sind Kompetenz, Verlässlichkeit und Leistungsfähigkeit wünschenswerte Eigenschaften. Eigenschaften, die selbstverständlich im Ãœbermaß vorhanden sind, wenn man den Aussagen glaubt. Vertrauen lässt sich aber weder messen noch erzwingen und was die Aussagen wert waren, weiß man erst nach dem Projekt. Worauf will ich hinaus. So provokant die These “Es gibt keine Sachfragen” auch klingen mag sie hat einen wahren Kern. Jede “Sachfrage” hat einen unsachlichen, rational nicht fassbaren Kern, der letztendlich eine emotionale Entscheidung erfordert. Jede Entscheidung ist mit Emotionen und Beziehungen verbunden. Je eher man sich dessen bewusst wird und den emotionalen Kern aufspürt, desto leichter und souveräner kann entschieden werden. Souveräne Entscheider sind sich ihrer Emotionalität bewusst.