Schau auf die Schreibtische

Vor einiger Zeit hatte ich über die Legende der Web 2.0 Werkzeuge geschrieben. Der Kern des Beitrages lässt sich in folgenden Sätzen zusammenfassen:
Informationsaustausch war noch nie ein Problem des Werkzeuges und wird nie durch den Einsatz eines Werkzeuges gelöst werden. Entscheidend ist die Bereitschaft jedes Mitarbeiters sein Wissen preis zu geben. … Die Bereitschaft der Menschen zu teilen ist wichtiger als jedes Werkzeug.
In einer Diskussion wurde ich auf einen weiteren Punkt aufmerksam gemacht, den ich bisher übersehen hatte. Vorausgesetzt die Bereitschaft zum Teilen der Information und ein Werkzeug sind vorhanden verbleiben immer noch die individuellen Unterschiede der Menschen im Umgang mit Informationen. Ein Zitat aus der erwähnten Diskussion:
… dass übergestülpte Wissensmanagementkonzepte … den eigenen, gedanklichen Ablagestrukturen widersprechen. Man sehe sich nur mal die Schreibtische von zehn beliebigen Mitarbeitern an und vergleiche diese 😉1
In der Tat – ein Blick auf die Schreibtische offenbart vieles. Wuchernde Stapel, Post-it Collagen, fein säuberlich beschriftete Ordner und Register, Notizbücher mit und ohne Post-it Anreicherungen. Das lässt sich natürlich anekdotisch schmunzelnd betrachten – das halte ich aber für zu kurz gegriffen. Der persönliche Umgang mit Information hängt eng mit den kognitiven Vorlieben und Fähigkeiten zusammen. Jede(r) lernt anders. Einen “richtigen” Weg gibt es nicht. Das Verordnen von Vorgehensweisen, die den eigenen kognitiven Vorlieben widersprechen, kann leicht Unwohlsein und nachfolgend eine Verweigerungshaltung hervorrufen. Gerade das Beispiel mit dem Schreibtisch ist hier sehr lehrreich. Ich schlage ein Gedankenexperiment vor: Jede(r) möge seinen Schreibtisch genau anschauen und sich dann einen Schreibtisch eines Kollegen oder einer Kollegin vorstellen, der völlig anders aussieht. Und nun das Experiment: Stellt Euch vor eine Woche am anderen Schreibtisch zu arbeiten ohne ihn verändern zu dürfen. Eine gruslige Vorstellung! So geht es vielleicht vielen wenn sie gezwungen wird Informationen in ein System einzugeben. Dieses Unbehagen befällt den Zettel-Stapel-Wirtschafter, der Daten in ein Formular mit Kategorien und Schlagworten eingeben muss in gleicher Weise wie den Ordnerregister-Beschrifter, der formlos in ein Microblogging Tool tippen soll.
  1. Diskussion auf Facebook, nur mit facebook Login erreichbar:Informationsaustausch war noch nie ein Problem des Werkzeuges []

3 thoughts on “Schau auf die Schreibtische

  1. An der Stelle würde ich mich fragen, ob man eher die Menschen im Blick haben solle, die kommunizieren (und lernen) wollen, oder die, deren Bereitschaft fehlt?
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    Wenn man nach den Gründen schaut, warum Menschen Ihr Wissen (Informationen zähle ich einfach mal dazu) nicht teilen, kommt (grob nach Güldenberg, Probst, Gilbert etc.) folgendes raus:

    -> Keine Möglichkeit die Bedeutung der eigenen Wissensbestände für die Organisation zu erkennen

    -> Begrenzte Fähigkeiten das (implizite) Wissen verständlich mitzuteilen.

    -> Desinteresse, Gleichgültigkeit, Demotivation bis hin zur “inneren Kündigung” gegenüber der Organisation

    -> Negative Erfahrungen, die ein schmerzvermeidendes Verhalten (einen “Rückzug”) fördern.

    -> Angst sich überflüssig zu machen

    -> Macht! die sich über keine, selektive oder verzerrte Wissensweitergabe verstärken lässt.

    -> Fehler machen (und Konsequenzen)

    -> Keine “Zeit und Muse” sein Wissen aufzubereiten
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    Was glauben sie, warum Menschen überhaupt web2.0Tools verwenden wollen?
    (Es also einen Markt dafür gibt)
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    Wenn ich dann mal nicht so auf die Menschen und wieder mehr auf die Tools schaue,
    frage ich mich, zu welchem Zweck ich mir
    -> eine “interaktive Enzyklopädie” zulegen würde,
    -> eine Plattform zulegen würde, in dem ich (m)einen Unterricht gestallten kann,
    -> etwas zulegen würde, mit dem ich (m)ein(e) Themen über einen langen Zeitraumhinweg fixieren / mitteilen kann
    _____

    Meiner Meinung nach ist übrigens jede (noch so effiziente) technische Infrastrukutr für Menschen wertlos, wenn diese Ihr Wissen nicht teilen wollen….

    ….und die Geschwindigkeit der “Wissenszunahme” sollte dennoch immer höher sein, als die Geschwindigkeit des Wissensbedarfs… ;o)

    In diesem Sinne ein schönes Wochenende wünschend,
    Bernd

  2. Hallo Eberhard,

    schon komisch, wie uns immer wieder die gleichen Gedanken umtreiben. Einer meiner ersten (noch ein wenig unbeholfenen) Artikel hatte genau die gleiche Erkenntnis: das Tool wird’s nicht richten; Kommunikation ist eine Frage der Kultur, nicht des Mediums. http://misc.raitner.de/?p=21

    Herzliche Grüße,
    Marcus

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