Nicht vergessen – es geht um Menschen …

Noch ein kleiner Nachtrag zum Vortrag über Kulturen: Es geht um Menschen und Menschen lassen sich nicht modellieren. Trotzdem erwähne und verwende ich gelegentlich wissenschaftlich anmutende Modelle. Ist das ein Widerspruch? Nein! Salopp formuliert sind Modelle nichts anderes als Eselbrücken um das Erlebte ansatzweise zu verstehen und in Worte fassen zu können. Die unausgesprochene Erwartungshaltung an Modelle ist, dass sie Muster und Gesetzmäßigkeiten beschreiben nach denen sich Menschen zu verhalten haben. Modelle definieren gewissermaßen ein Soll-Verhalten. Dem ist nicht so! Das ist selbst im Kontext der Naturwissenschaften nicht korrekt. Am Anfang stehen Beobachtung und Beschreibung, dann folgt ein Erklärungsversuch. Der beschreibende Beobachter versucht sich ein Bild zu machen wie das beobachtete Phänomen funktionieren könnte. An einem völlig fachfremden Beispiel aus der Astronomie lässt sich diese Vorgehensweise sehr schön verdeutlichen. Frühe Astronomen beobachteten den Himmel und zeichneten die Bahnen der Lichtpunkte auf. Sie entwarfen auf der Suche nach Verständnis unter anderem ein Modell konzentrischer Schalen, die sich ineinander bewegen konnten. Das Modell der Welt entsprach also einem Teller mit mehreren darüber gestülpten durchsichtigen Salatschüsseln. Die Vorstellung das Weltall bestehe aus durchsichtigen Riesenschüsseln erscheint aus heutiger Sicht absurd. Heute haben wir ein anderes und “besseres” Modell der Welt und des Weltalls. Möglicherweise ist es genauso “falsch” wie die Salatschüsseln. Der wesentliche Unterschied zum Salatschüssel-Modell ist die Vorhersage-Mächtigkeit und der Erfolg. Mit den Vorhersagen des heutigen Weltmodells lassen sich Satelliten starten und Navigationsgeräte fürs Auto bauen. Ein Navigations-Gerät auf Basis der Salatschüssel-Formeln würde schwerlich funktionieren. Zurück zur Sozialwissenschaft und den Kommunikations- und Team-Modellen. Wenn von den Seiten einer Botschaft oder einer Teamentwicklungsphase gesprochen wird, soll das nicht bedeuten “Das ist so!” oder “Menschen sind so!”. Diese Modelle sollen lediglich helfen manche Vorgänge, die häufig in ähnlicher Weise auftreten, besser zu verstehen. Kommunikationsfehler oder Streitigkeiten in Gruppen liefern immer wieder ähnliche Geschichten. Es gibt die typischen Geschichten, die, wenn sie erzählt werden, bei den Zuhörern ein zustimmendes Kopfnicken auslösen. Die Gedanken “Das kenne ich” oder “das habe ich schon so ähnlich erlebt” stehen im Raum. Diese Ähnlichkeiten besser in Worte zu fassen ist der eigentliche Sinn der Modelle. Ein in Worte gefasstes Verständnis ermöglicht ein zielgerichtetes Verhalten und ggf. die Vermeidung von Kommunikationspannen oder gruppeninternen Streitigkeiten. Damit schließt sich der Kreis zum Projektmanagement. Es geht um bewusstes, zielgerichtetes Handeln. Bewusstsein und Verständnis gehen Hand in Hand. Jede vermiedene Kommunikationspanne jeder konstruktiv gelöste oder gar vermiedene Konflikt kommt den Menschen und dem Projekt zu gute. Epilog Einer meiner Professoren für theoretische Physik sagte einmal in einer Vorlesung:
Das Beste was die Wissenschaft leisten kann ist partielle Isomorphie zur Natur herzustellen.
Partielle Isomorphie bedeutet Gleichgestaltigkeit in kleinen Teilen, dieser Gedanke ist weit von einem Naturgesetz entfernt. Eine verblüffende Ansicht zumal er sie im Kontext der Mechanik erwähnte, also einem durchaus sehr erfolgreichem Zweig der Wissenschaft. Die Diskrepanz zwischen Modellen und den Menschen ist weitaus größer – das sollte immer im Hinterkopf bewusst bleiben.
© pentaeder 2019 / 2020