Manchmal steckt in sprichwörtlichen Redewendungen viel Wahrheit. Die potentielle Missverständlichkeit von Kommunikation wird in der Formulierung der tauben Ohren (z.B. auf taube Ohren stoßen) deutlich. Ich verzichte jetzt bewusst auf die ausführliche psychologische Deutung der Mehrdeutigkeit einer Botschaft, das habe ich an anderer Stelle schon ausführlich getan1. Eine Äußerung kann also auf taube Ohren stoßen, auch wohlformulierte Sätze kommen beim eventuell beim Gegenüber nicht an. Das ist der schmerzhafte Erfahrungswert. Woran kann es liegen dass manchmal nichts von dem was man sagen möchte beim Gegenüber ankommt? Oft sind es die falschen Erwartungen. Insbesondere zu Beginn eines Gespräches stehen Erwartungen im Raum. Was will mir mein Gegenüber gleich sagen? Werde ich informiert, gelobt oder getadelt. Dazu eine kleine Geschichte, die ich während meiner Wehrdienstzeit erlebt habe. Mein Vorgesetzter befahl mich kurz und knapp zu einem Vier-Augen-Gespräch in sein Büro. Ich ließ auf dem Weg dorthin mein Sündenregister Revue passieren um mich auf den erwarteten Rüffel einzustimmen schließlich hatte ein Vier-Augen-Gespräch selten etwas Gutes zu bedeuten. Er begann das Gespräch dann mit den Worten “Sie kennen sich doch mit Physik aus?” “Wie bitte, äh ja … ?” … Letztendlich ging es darum, dass er im Kompanieunterricht die Wirkung von Atomwaffen erklären sollte, wenig Ahnung davon hatte und mich um Hilfe bat ihm das Thema zu erklären. Meine Erwartung an dieses Gespräch war also völlig falsch. Einen Tadel hatte ich erwartet, eine Frage nach Unterstützung war völlig außerhalb meines Horizontes. Dass das Gespräch gelang lag mit Sicherheit daran, dass ich freudig überrascht wurde. Erwartungen können aber auch enttäuscht werden. Wenn statt eines erwarteten Lobes ein Tadel ausgesprochen steht das Gespräch unter einem schlechten Vorzeichen. Die Enttäuschung oder gar der Ärger über die gefühlte Zurücksetzung lässt leicht die Ohren taub werden. Dann passen sehr schnell noch andere Redewendungen “die Ohren auf Durchzug schalten” … “Worte werden auf die Goldwaage gelegt” … “ein Wort gibt das andere”. Enttäuschung ist ein mächtiges Gefühl. Jede(r) kann sich vorstellen wie es sich anfühlt wenn nicht das erhoffte Geschenk sondern etwas Unschönes unter dem Weihnachtsbaum liegt. Enttäuschung und die Folgegefühle können ein Gespräch sehr schnell entgleisen lassen. Ist das “Lob-Tadel Szenario” fiktiv oder realistisch? Leider ist es realistisch. Schon die kulturell-sprachlichen Unterschiede wie ein Lob formuliert wird kann zum Problem werden. Im Südwesten Deutschlands gilt der Grundsatz “Nicht schimpfen ist genug gelobt”. Der Satz “kann man lassen” gilt als Lob. In anderen Regionen Deutschlands wäre eine solche Formulierung ein Tadel, in den USA wäre es schon eine Beleidigung. Das heißt selbst eine als Lob gedachte Äußerung kann als Tadel verstanden werden, wieviel schlimmer wirkt dann ein echter Tadel. Was kann man dagegen tun? Wenig und doch viel: Die eigenen Erwartungen überprüfen, ggf. revidieren und versuchen die Frage zu beantworten “Welche Erwartung könnte mein Gegenüber haben?”.
  1. Das Kommunikationsfünfecks nach Schulz von Thun habe ich hier im Blog beschrieben . Eine Darstellung inkl. Beispielen aus dem Projektalltag habe ich auf openPM verfasst. []