Heute ein kurzer Bericht aus der ehrenamtlichen Arbeit: Kulturkarussell – so lautete der Titel einer Veranstaltung, die wir letzten Samstag zusammen mit Menschen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Kamerun und Deutschland durchgeführt haben. Bei der Vorstellungsrunde stellte sich dann noch heraus, dass die anwesenden „Deutschen“ weitere internationale Herkunftsgeschichten hatten. Insofern kamen Kulturerfahrungen aus weiteren Ländern hinzu: Slowenien, Frankreich, Belgien, Österreich, USA. An religiösen Hintergründen waren die drei großen Weltreligionen vertreten. Gemessen an interkulturellen Seminaren und Workshops, die wir im Projekt-Kontext anbieten, war dieses weite Feld eine gehörige Herausforderung. Das erste Ziel der Veranstaltung war es ein Verständnis zu vermitteln, aus welchen Elementen Kultur besteht, und wie interkulturelle Spannungen entstehen können. Weitere Ziele waren gegenseitiges Verständnis zu wecken und interkulturelle Unterschiede und Spannungen durch Gespräche transparent zu machen, um letztendlich einen entspannteren und konstruktiveren Umgang miteinander zu erreichen. Der Nachmittag war spannend, die Gespräche kamen trotz der mehrfachen Sprachbarrieren in Gang. Es kam zu etlichen Aha-Effekten. Fast alle TeilnehmerInnen gingen mit neuem Verständnis nach Hause. Einige der Teilnehmer haben mich tief beeindruckt, als sie bereits innerhalb der Veranstaltung für sie ungewohnte Verhaltensmuster, die Teil der europäischen Kultur sind, erprobten. Einige meiner persönlichen Erfahrungen möchte ich an dieser Stelle noch mitteilen.
  • Islam ist nicht gleich Islam. Bei einigen Punkten wurde intensiv diskutiert. Religiöse Vorgaben werden in verschiedenen Ländern und/oder Richtungen des Islams sehr unterschiedlich interpretiert und gelebt. In diesen Diskussionen ging es nicht um fundamentale, extremistische Positionen, sondern um alltägliche Regeln wie das z.B. Leben in einer Familie gestaltet wird. Dabei wurden auch Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu westlich / christlichen Werten deutlich. Fazit: Wenn es Trennlinien gibt, verlaufen diese nicht zwischen Christentum und Islam, sondern kreuz und quer durch Religionen und Konfessionen hindurch.
  • Sehr spannend war auch das Thema Gesten, Raumempfinden und Berührungen zwischen Menschen in der Öffentlichkeit. Auch hier waren die Trennlinien anders als vermutet. Was „schicklich“ ist, ist z.B. in Syrien offensichtlich im Fluss. Da wurden sehr unterschiedliche Sichtweisen deutlich. Erschreckend war dann eher die Erkenntnis, dass manche Gesten und Berührungen, die in Europa normal sind, in anderen Ländern ausreichende Gründe für Gefängnisstrafen sein können.
  • Blickkontakte oder die Vermeidung derselben erwies sich als große Quelle von Missverständnissen. Hier kommt es je nach kultureller Kombination durchaus zum Maximal-Unterschied. Was die eine Seite höflich empfindet, wirkt für die andere bedrohlich.
  • Erwartungen an Beziehungen – damit sind nicht nur Paar-Beziehungen gemeint – erwiesen sich ebenfalls als weites Feld der Unterschiede. Werte und Verhaltensmuster, die in Europa auf dem Rückzug sind, sind in anderen Ländern immer noch aktuell.
Wenn ich ein Fazit aus dem Workshop ziehe, möchte ich drei Punkte festhalten, auch wenn der Erste trivial erscheinen mag. Direkter Austausch im Dialog öffnet einen weiteren Horizont, als es theoretisches Wissen könnte. Vorschnelle Interpretationen ungewohnter Verhaltensmuster greifen in der Regel zu kurz. Wenn z.B. jemand zögert, mir die Hand zu geben, hat das nicht zwingend etwas mit fehlendem Respekt oder Unhöflichkeit zu tun. Konstruktiver kultureller Austausch ist auch über große (Sprach-)Barrieren hinweg möglich. Letztendlich wollen sich Menschen wohlfühlen. Das Spannungsgefühl im interkulturellen Konfliktfall schmerzt alle. Und zu guter Letzt, das war sicher nicht die letzte Veranstaltung dieser Art.