Schlagwort: Selbstorganisation

Resilienz vor Effizienz

Resilienz vor Effizienz

Die Ãœberschrift ist zugleich der Titel eines Vortrags, den ich am 27. Juni während des IF Forums gehalten haben. Resilienz / Effizient … zuerst einmal handelt es sich um zwei Schlagworte, die möglicherweise im Widerspruch stehen. Auf jeden Fall können sie zum Nachdenken anregen – genau das ist die Absicht des Vortrags.

Bevor sich ein Gedankenfaden entwickeln kann, muss der Anfangspunkt klar sein, in diesem Sinne lohnt es die Begriffe zu erfassen. Effizienz ist dabei der deutlich prominentere Begriff. Google listet für Effizienz 10-mal mehr Treffer auf wie für Resilienz.1

Begriffsklärungen

Effizienz ist ein Maß für ein Ergebnis unter Berücksichtigung der eingesetzten (finanziellen) Mittel. Ein Streben nach Effizienz ist per se nichts Schlechtes. Es ist sinnvoll ein Feuer mit (kostengünstigem) Wasser statt (teurem) Champagner zu löschen. Effektivität ist etwas anderes, hier geht es mehr um den Zielerreichungsgrad unabhängig von den eingesetzten Mitteln.

Resilienz stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich zurückspringen bzw. abprallen. Sie beschreibt die Toleranz oder Robustheit eines Systems gegenüber Störungen. Der Begriff wird auch in der Psychologie verwendet, hier beschreibt die Resilienz eine Robustheit gegen Krisen. Ein resilienter Charakter ist gefestigt und durch Lebenskrisen nur schwer aus der Bahn zu werfen.

Kontext

Im Folgenden möchte ich die Begriffe in einem ganz bestimmten Kontext verwenden, zuerst aber noch den Begriff der Unternehmung einführen. Ich bin die Diskussionen über die Definition von Projekten überdrüssig. Es gibt (keine) Projekte, Projekte sind Teile von Unternehmen, Projekte sind wie kleine Unternehmen, ein Unternehmen ist ein Projekt … alle Varianten werden genannt und durcheinander geworfen. Deshalb verwende ich bewusst den Begriff der Unternehmung. Eine Unternehmung sei ein Vorhaben kürzerer oder längerer Dauer, an dem mehr als 2 Menschen beteiligt sind und das mehr oder minder schnell veränderlichen Zielen folgt. Die Betrachtung von Resilienz und Effizienz macht sowohl in sehr kleinen, als auch sehr großen Unternehmungen Sinn.

Der Sündenfall unserer Zeit

Die folgenden Sätze sind meine persönliche Ãœberzeugung. Die Ãœberbetonung der Effizienz, die inzwischen das reine Wirtschaftsleben verlassen hat, ist für mich der moderne Sündenfall. Kostenberechnung, Zeitschlüssel Effizienz-Messungen haben längst Krankenhäuser, Kindergärten und Familien erreicht und durchdrungen. Selbst Menschen an sich werden unter diesem Gesichtspunkt bewertet. Wenn Begriffe wie »totes Humankapital« salonfähig geworden sind, ist es um die Menschlichkeit schlecht bestellt. Der Effizienzwahn tötet die Menschen. Dieser Satz hat die Ebene der Metapher schon verlassen. Hier ist meine persönliche Motivation verborgen über das Begriffspaar »Resilienz – Effizienz« zu sprechen und für ein Zurückdrehen der Spirale zu plädieren. Um den Grund des persönlichen Anliegens wieder zu verlassen, möchte ich mich dem Thema nochmals auf einem weniger subjektiven Pfad mittels zwei Fragen annähern.

Frage 1: Müssen Unternehmungen (und Menschen) heute resilient sein?

Antwort: »Ja« Die Zeiten der Pseudostabilität sind vorbei. Rohstoffe und Ressourcen sind nicht (mehr) unbegrenzt verfügbar. Produktlebensdauern werden immer kürzer. Ein Nachfolgeprodukt erscheint auf dem Markt bevor die gesetzliche Garantie des Vorgängers abgelaufen ist. Projektideen sterben bevor das Entwicklungsprojekt zu Ende gekommen ist. Das Leben einer Unternehmung wird zu einer Abfolge von Störungen, die verkraftet werden müssen. Ständige Änderungen im Arbeitsumfeld, lebenslanges Lernen setzt die Menschen zunehmend unter Druck, Ruhephasen werden immer kürzer – auch die Menschen müssen gezwungenermaßen immer resilienter werden.

Frage 2: Können effiziente Unternehmen resilient sein?

Diese Frage lässt sich nicht ganz eindeutig mit »NEIN« beantworten. Zumindest besteht ein großer Gegensatz. Eine Unternehmung, die auf höchste Effizienz getrimmt wurde, verliert Resilienz. Durch Entfernen von Sicherheiten und Reserven werden Unternehmungen immer anfälliger. Selbstheilungskräfte werden verbraucht. Kleine Störungen werden leicht zur Krise.

Was zeichnet eine resiliente Unternehmung aus?

Die erste Antwort ist leicht: »RESERVEN«. Nicht umsonst gibt es den Begriff der Sicherheitsreserve. Eine Reserve ermöglicht eine Reaktion auf eine Störung. Sei es die Krankheit eines Mitarbeiters oder der Ausfall eines technischen Geräts. Wenn alle Mitarbeiter zu mehr als 100% ausgelastet sind, alle Ersatzgeräte aus Kostengründen abgeschafft wurden, wird die kleine Störung zum Problem. Ein plakatives Beispiel hierfür ist der Hauptbahnhof in Mainz, der im letzten Sommer nicht mehr von ICE Zügen angefahren wurde, weil die Krankheit eines Mitarbeiters den Betrieb zu stark beeinträchtigte.

Die zweite Antwort ist schwieriger. Eine Unternehmung profitiert mittelbar von vielen resilienten Menschen, sie stützt sich auf selbstbewusste Menschen voller Selbstvertrauen mit hoher Kontrollüberzeugung.

Die dritte Antwort, die zwischen den beiden ersten schwebt ist Agilität. Das Heilsversprechen der Agilität ist die Möglichkeit schnell reagieren zu können. Die Antwort, warum die Agilität zwischen den Reserven und den Menschen schwebt, bleibe ich noch einen Abschnitt lang schuldig.

Resilienz fällt nicht vom Himmel

Die oben genannten Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen bzw. Kontrollüberzeugung sind wünschenswert. Diese Eigenschaften fallen aber nicht vom Himmel oder sind alleine angeborene Merkmale. Sie unterliegen vielmehr einer Veränderung, sie entwickeln sich, können im richtigen Umfeld wachsen. Selbstvertrauen kann wachsen, wenn man die Menschen nur lässt. Ein geringer Vertrauensvorschuss und eine Prise selbstverantwortetes Arbeiten wirkt manchmal Wunder. Tayloristisches Mikromanagement behindert und reduziert das Selbstvertrauen.2

Und wie hängt das mit der Agilität zusammen. Agile Unternehmungen (Teams, Projekte, …) funktionieren umso besser je selbstverantworteter die Menschen arbeiten können und dürfen. Insofern sind agile Ansätze ein guter Nährboden auf dem sich Posititves entwickeln kann. Hier könnte man zweifelnd die Henne-Ei-Frage ins Feld führen. Dieser lässt sich entgegen, dass es sich mehr um ein zyklische Steigbügel-Prinzip handelt, es also mehr ein selbstbefruchtender Prozess ist3

Mein Plädoyer

ist ganz einfach. Lasst einen Teil der Effizienz weg und lasst die Resilienz wachsen. Ist es wirklich so einfach? Ich denke ja. Es bedarf nicht viel um Menschen in Arbeitswelten eine selbstverantwortliche Entwicklung und wachsendes Selbstvertrauen zu ermöglichen. Ganz umsonst – im häufigen Sinn des Wortes – ist das aber nicht. Einen Teil der Effizienz und des Profits muss man dafür aufgeben, dafür hat man länger etwas davon.

  1. Ergebnis Google Suche: Resilienz ca. 440.000, Effizienz ca. 4.400.000 Ergebnisse []
  2. Die Psychologie ist in der Definition von Persönlichkeitsmerkmalen und deren Plastizität uneins. Aktuelle Langzeitstudien im beruflichen Weiterbildungsumfeld zeigen jedoch, dass selbst oft als stabil betrachtete Merkmale wie Kontrollüberzeugung einem Wandel unterliegen. []
  3. Der Henne Ei-Frage bin ich im Zusammenhang mti der Korrelation von Teamqualität und Projekterfolg an anderer Stelle schon nachgegangen, siehe Folie 8 des dort verlinkten Vortrags. []
Darum unterstütze ich das PM Camp

Darum unterstütze ich das PM Camp

Folgende Worte habe ich heute auf dem PM Camp Blog veröffentlicht:

Projektarbeit bedeutet verantwortungsvolle Kooperation. Menschen, die in Projekten arbeiten, brauchen Erfahrungsaustausch auch außerhalb der eigenen Organisation. Klassische Konferenzen können dies nur eingeschränkt leisten, da teilweise die Teilnahmebeiträge so hoch sind, dass sie nicht mehr allen Mitarbeitern offen stehen (können). Zudem wird der Besuch von Konferenzen gelegentlich als “incentive” (miss)verstanden.

Die PM Camps bieten andere Möglichkeiten. Die finanzielle Hürde ist niedrig. Während des Camps bieten sich vielfältige Möglichkeiten Erfahrungen auf Augenhöhe auszutauschen. Das Programm wird kooperativ gestaltet – jede(r) hat die Möglichkeit seine Themen einzubringen. So gesehen bietet ein PM Camp sogar ein gewisses Lernfeld für selbst verantwortetes, kooperatives Handeln.

Wir wünschen uns, dass die PM Camp Bewegung weiter wächst und immer mehr Menschen erreicht. Deshalb unterstützen wir das PM Camp als Mit-Initiator, Mit-Organisator und Sponsor.

 

Diesen Worten möchte ich noch eine kleine Anekdote hinzufügen. Vor einigen Jahren besuchte ich einen internationalen Kongress in den USA. Entsprechend der amerikanischen Sitte sich mit Vornamen anzusprechen waren auf den Namensschildern die Vornamen größer gedruckt. Der Platz für die Titel war entsprechend kleiner. Bei einigen (vor allem deutschen) Teilnehmern stieß dies auf Unverständnis, die Titel müssten schließlich gewürdigt bleiben. Es gab aber Abhilfe. Alle Redner erhielten zusätzlich ein Band, das an das Namensschild angehängt werden konnte, um in den Diskussionen nach den Sessions den jeweiligen Speaker leichter zu erkennen. Ein weiteres Band gab es für den Moderator. Wer mehrere Vorträge hielt oder mehrere Sessions moderierte kam so zu einer ganzen Reihe diese Bänder. Ursprünglich waren diese Bänder dafür gedacht sie zu Beginn der nächsten Session wieder abzulegen. Einige der hochrangigen Kollegen trugen jedoch ständig alle Bänder am Namenschild. Der optische Eindruck erinnerte an die mit Auszeichnungen dekorierten Uniformen von Offizieren.

Auf einem PM Camp ist das anders. Rang und Namen treten in den Hintergrund. Wer von wem lernen kann ergibt sich aus der Diskussion und Kooperation. Manchmal können auch die alten Hasen viel von Neulingen lernen! Deshalb unterstützen wir das PM Camp.

Highheels und Badelatschen

Highheels und Badelatschen

So lautete der Titel, der Session, die ich auf dem #pmcamp12 angeboten hatte. Aufhänger für den Titel der Session war eine Postkarte auf der die Beine und Schuhe unterschiedlicher Menschen zu sehen sind. Business-Schuhe eines Herrn im Anzug, Schuhe mit hohen Absätzen einer Dame in feiner Kleidung und die Schlappen eines Herrn in Jeans. Die Beine und Schuhe auf dem Bild stehen scheinbar unmotiviert zusammen. Das ist ein durchaus gängiges Problem mit dem man in Projekten konfrontiert ist: Eine Gruppe unterschiedlicher Menschen zu einem funktionierenden Team werden zu lassen … Inhalt und Ablauf der Session sind auf openPM dokumentiert.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf einen Aspekt hinweisen. Die Beschäftigung mit Gruppendynamik in Projekten ist keine Spielerei sondern die Arbeit an einem relevanten Erfolgsfaktor. Verschiedene Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass ein konstruktiver Verlauf der Gruppendynamik außerordentlich positiv mit dem Projekterfolg korreliert. Zum Nachlesen sein ein Artikel empfohlen, den ich zusammen mit Sven Lindenhahn geschrieben habe:

Eberhard Huber, Sven Lindenhahn: TEAMWORK: Warum Projektteams erfolgreicher sind als Projektgruppen Objektspektrum Ausgabe 02 / 2010

Das PDF kann direkt beim Verlag heruntergeladen und weiter gegeben werden, ich habe eine entsprechende Vereinbarung mit dem Verlag getroffen.

 

Trupp oder Team – Gruppengefühl und Selbst-Organisation

Trupp oder Team – Gruppengefühl und Selbst-Organisation

Ich möchte zum gestrigen Beitrag noch zwei Aspekte ergänzen. In Gruppen, die gemeinsam handeln entsteht ein Wir-Gefühl bzw. ein Gefühl der gegenseitigen Verlässlichkeit. Das gilt für Teams als auch für Trupps. Die Quelle dieser Gefühle ist jedoch nicht identisch. Im Team entstehen diese Gefühle von innen und sind von einer gemeinsamen Vision (z.B. Projektvision) getragen. In Trupps wird das Gefühl mehr durch Außensteuerung und Abgrenzung gegenüber anderen erzeugt. Die militärische Ausbildung wäre hier als extremes Beispiel zu nennen. Die Selbst-Organisation hängt damit eng zusammen. Wenn Selbst-Organisation erlaubt und erwünscht ist entsteht das Wir-Gefühl von innen. Ein Trupp darf sich nur in sehr engen Grenzen selbst organisieren und wird überwiegend von außen organisiert.

Nachgedanken:

Auch wenn ich selbst ein Verfechter der Teamarbeit bin lehne ich die strikte Außen-Organisation nicht ab. Es gibt definitiv Bereiche in denen es notwendig ist mit Trupps zu arbeiten. Wenn ich in einem brennenden Haus sitze, ist es mir lieber von einem straff organisierten Trupp von Feuerwehrleuten gerettet zu werden. Ich halte es aber für äußerst bedenklich wenn Arbeitsgruppen oder Abteilungen in Firmen zwar Teams genannt aber dennoch wie Trupps organisiert werden.

© pentaeder 2021 / 2022