Der Projektbegriff wird m.E. bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus überstrapaziert. Projekte wohin man schaut, Projektleiter, Teilprojektleiter, Projektmanager, Projektmanagement-Büros, PM-Systeme und vieles mehr geistern durch Organisationen und Unternehmen. Eigentlich sollte inzwischen klar sein was ein Projekt kennzeichnet1. Ein Projekt hat ein in Worten beschreibbares Ziel oder Arbeitsergebnis, das in dieser Form noch nicht existiert. Es gibt Termine an denen mit den Arbeiten begonnen wird bzw. das Arbeitsergebnis vorliegen soll. Es gibt mindestens drei beteiligte Personen: Zwei, die zum Arbeitsergebnis beitragen, sowie eine an die das Ergebnis geliefert wird.

Die nebenstehende Mindmap fasst die Punkte nochmal zusammen. Wenn alle „Projekte“ diesen Kriterien genügen würden wäre die Welt wahrscheinlich einfacher. Ich erlebe es allerdings immer wieder, dass alles was irgendwie nach Veränderung und Neuerung riecht, reflexartig als Projekt bezeichnet wird. Die nachfolgenden Negativ-Beispiele sind mir schon häufig als „Projekte“ begegnet:

  • Ein-Personen-Veranstaltungen sind keine Projekte.
  • Die Wartung einer bestehenden Software, die regelmäßig weiter entwickelt wird, ist nicht automatisch ein Projekt auch wenn ein ganzes Team an der Software arbeitet. Große Release-Sprünge können ein Projekt sein – der Wechsel von Version 10.5.4.1 auf 10.5.4.2 ist wahrscheinlich keines.
  • Die Beschaffung von Umzugskartons und Büromöbeln ist kein Projekt – vor allem nicht in einer Organisation in der Umziehen zum Tagesgeschäft gehört.
  • Eine umfangreiche Aufgabe, die sich mittels vieler gleichartiger Arbeitsschritte vollständig parallelisieren lässt, ist kein Projekt.
  • Nicht jeder Teil eines Projektes und sei er noch so umfangreich ist ein Teil-Projekt.
  • Eine Aufgabe, die kein definiertes Ende kennt, ist kein Projekt. „Dauer-Projekt“ ist ein Widerspruch in sich.

Die Frage, die sich mir stellt, ist: „Warum wird dieser Etikettenschwindel betrieben?“. Hierzu möchte ich einige Verdachtsmomente äußern:

  • Projekt hört sich wichtiger an als Tagesgeschäft.
  • Mitarbeiter werden mit Pseudo-Titeln angefüttert um mehr Aufgaben zu erledigen. Es werden Aufgaben bei einem Mitarbeiter konzentriert, das Etikett Projekt wird aufgeklebt und der Mitarbeiter zum Projektleiter ernannt.
  • Organisatorische Änderungen werden aus unterschiedlichen Gründen verschleppt und nicht umgesetzt. Nicht zugeordnete Mitarbeiter werden in „Projekten“ geparkt. Am Ende wird dies zum Prinzip erhoben und eine Projektorganisation ausgerufen.
  • Umwidmen von Tagesgeschäft in Projekte um Defizite in Prozessen und Organisation zu kaschieren.

Ist das eine sinnlose Wortklauberei? Nicht solange versucht wird in derartigen Pseudo-Projekten Projektmanagement zu installieren. Gute Methoden, die heute für Projekt-Arbeit und Management zur Verfügung stehen, werden zweckentfremdet eingesetzt. Fast lässt es sich mit Nägeln vergleichen, die mit dem Griff des Schraubendrehers oder einer Zange eingeklopft werden sollen. Irgendwie geht es schon, es ist aber nicht optimal und macht keinen Spaß. Das mit dem Spaß ist durchaus ernst zu nehmen: Erzwungener Einsatz ungeeigneter Methoden zerstört langfristig die Motivation und wird von Mitarbeitern ggf. als Schikane2 empfunden. Merke: Vor der Wahl der Projektmanagement Methode sollte geklärt werden ob überhaupt ein Projekt benötigt wird.

Zum Weiterlesen:

  1. Die genannten Kennzeichen sind gewissermaßen eine Konkretisierung der in der EN ISO 9000:2005 enthaltenen Definition: Ein Projekt ist ein einmaliger Prozess, der aus einem Satz von abgestimmten und gelenkten Tätigkeiten mit Anfangs- und Endtermin besteht und durchgeführt wird, um unter Berücksichtigung von Zwängen bezüglich Zeit, Kosten und Ressourcen ein Ziel zu erreichen, das spezifische Anforderungen erfüllt. []
  2. Das plakative Bild sinnloser Schikane und Frustration ist das Reinigen des Fußbodens mit einer viel zu kleinen Bürste. Wenn Mitarbeiter in Ein-Personen-Projekten täglich einen Ampelbericht ausfüllen müssen, kann das ähnliche Gefühle auslösen. []