kritische Worte zum Begriff der Selbstorganisation

By | 17. Juli 2014
Selbstorganisation ist in vieler Munde. Auf die Bedeutungen verschiedener Schreibweisen des Begriffes möchte ich heute nicht eingehen, vielmehr möchte ich die Pole aufzeigen, die oft subsumiert und in einen Topf geworfen werden. Obwohl ich Selbstorganisation in einem bestimmten Sinne für ein sehr wünschenswertes Prinzip halte, sehe ich manche Ansätze Selbstorganisation zu erfassen, mit sehr großer Skepsis. Insbesondere Querbezüge und gelegentliche Gleichsetzungen mit Aspekten aus den Naturwissenschaften halte ich für falsch und gefährlich. Die Wurzeln des Begriffes stammen zwar aus den Naturwissenschaften, jedoch sind die Annahmen, die dort getroffen wurden, nicht ohne weiteres auf “soziale Systeme” übertragbar. Hermann Haken, einer der Begründer der Synergetik, schreibt gleich zu Beginn seines Buches die entscheidenden Sätze1:
In most cases, however, we shall treat systems consisting of very many subsystems of the same kind or of very few kinds.
Der naturwissenschaftliche Ansatz befasst sich mit großen Systemen, die aus vielen gleichartigen bzw. ähnlichen Objekten bestehen. Dementsprechend sind viele mathematische Methoden der Statistik entlehnt. Die Zahlen2 mit denen diese Methoden operieren, liegen weit höher, als dass sie für Projekte oder Organisationen anwendbar wären. Die Annahme, dass die Objekte auf gleichartige oder sehr ähnliche und mathematisch beschreibbare Weise miteinander interagieren, ist unsinnig, wenn wir von Menschen und Beziehungen reden. Die zur Modellierung notwendigen Variablen lassen sich in Näherung nur für große Gruppen mit sehr geringen Freiheitsgraden finden. So lässt sich z.B. die Dynamik einer La Ola Welle im Sportstadion halbwegs ordentlich beschreiben. Bei der La Ola Welle sind 50 000 Menschen mit minimaler Interaktion, einem Freiheitsgrad der Bewegung und die üblichen Observablen einer Welle zu betrachten. Dafür lassen sich Gleichungen aufstellen, deren Lösungen eine halbwegs ordentliche Beschreibung der Welle liefern. Wird die Gruppe kleiner und die Interaktion komplizierter, scheitert dieser Ansatz sehr schnell. Die Interaktion von Menschen, die als Individuum sichtbar bleiben, lassen sich nicht mit wenigen Variablen beschreiben. Im Beispiel der La Ola Welle genügt es zu beschreiben ob ein Mensch steht oder sitzt, dazu gibt es noch die Interaktionsregel, dass er nach dem Aufstehen des Neben-Menschen ebenfalls aufsteht, die Arme anhebt und sich dann wieder hinsetzt. Der Versuch die Interaktionen, Beziehungen und Auseinandersetzungen von Menschen in einem Team auf derart einfache Weise zu beschreiben erscheint anmaßend. Ein solcher Versuch würde zudem eine neue und menschenverachtende Dimension des Taylorismus eröffnen. Ein anderer Bedeutungsschwerpunkt der Selbstorganisation entstammt der agilen Bewegung in der das “selforganized team” beschworen wird. Dies ist mehr im Sinne einer selbst gemachten Organisation zu sehen. Dies geschieht durch Interaktion der Menschen in der Gruppe. Aus der Interaktion entsteht die Gruppendynamik, die im günstigen Fall ein selbstorganisiertes Team hinterlässt3. Auf Interaktion basierende Gruppendynamik hat in den kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten eine natürliche Begrenzung und funktioniert nur für “kleine” Gruppen, in der/die Einzelne als Individuum sichtbar bleibt. Genau hier liegt der entscheidende Gegensatz: Große Systeme mit gleichartigen Objekten vs. kleine Gruppen mit individuellen Charakteren. Die Ãœbertragung von Methoden der “großen Selbstorganisation” auf die Soziologie und ihre Anwendung im Management halte ich aus den genannten Gründen für falsch und gefährlich. Menschen sind keine Objekte, die sich mittels einfacher Regeln modellieren lassen. In diesem Gegensatz ist zudem eine ethische Frage verborgen. Wird der Mensch in einer Organisation als (gleichartiger nicht individueller) Teil eines Systems aufgefasst oder lässt man ihn Mensch bleiben? Wer von Selbstorganisation spricht, hat diese Frage noch nicht beantwortet.
  1. Hermann Haken: Synergetics – An Introduction, Springer ISBN 3-540-12356-3, 3. Auflage, p. 17 []
  2. Strukturbildungen in natürlichen Systemen lassen sich gut beschreiben, allerdings sind hier die Teilchenzahlen oft um ein vielfaches größer als z.B. die Zahl aller lebenden Menschen. []
  3. Es gibt durchaus auch Fälle in denen sich aus den gruppendynamischen Konflikten ein Zerbrechen der Gruppe ergibt. []

3 thoughts on “kritische Worte zum Begriff der Selbstorganisation

  1. Dr. Eberhard Huber Post author

    Hallo Peter, zuerst einmal willkommen hier im Blog, den ersten Kommentar musste ich zuerst freischalten, alle weiteren gehen dann automatisch.

    Vielen Dank für Deine Ergänzung.

    Das Bierspiel ist ein gutes Beispiel für beide Sichtweisen, die ich im Text erwähne. Ja die “Hakensche Selbstorganisation” lässt sich auch bei kleinen Human-Systemen beobachten, allerdings nur wenn Freiheitsgrade und Obeservable beschränkt sind. Um die soziologisch, gruppendynamische Selbstorganisation zu beschrieben reicht ein derart eingeschränkter Satz an Variablen nicht aus. Genau das legen manche Systemverfechter aber nahe, dass das möglich wäre.

    Ich denke dass ich in den nächsten Tagen nochmal einen Text schreibe in dem ich versuche all die Blickwinkel nochmal auseinander zu dividieren.

  2. Peter Addor

    Ein gutes Beispiel, wie auch ein kleines Humansystem der Selbstorganisation unterliegen kann, ist das Bierspiel. Man kann Haken’s Selbstorganisation sogar an diesem Beispiel bestens studieren.

    Der Versuch der einzelnen Individuen, ihre lokalen Ergebnisse zu optimieren, führt zu einer oszillierenden Mode, welche das ganze System versklavt.

    Hier übrigens noch der Link zu meinem Artikel über Selbstorganisation:
    http://www.anchor.ch/wordpress/komplexitat/selbstorganisation-hat-nichts-mit-selbstmanagement-zu-tun

  3. Peter Addor

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Eben gerade weil es den Begriff bereits gibt, führt es zu einem Wirrwar, wenn man ihn in anderem Zusammenhang benützt. Was die Leute meinen, ist meist “Selbstbestimmung” oder “Self management”. Ich habe schon öfters darauf aufmerksam gemacht und auch einen Blogbeitrag geschrieben.

    Es gibt noch mehr solche Begriffe, die einfach aus einem anderen Zusammenhang gerissen und dann falsch angewendet werden. “Kanban” ist ein weiteres Beispiel.

    Allerdings bin ich durchaus der Meinung, dass auch kleine Humansysteme der Selbstorganisation unterliegen können. Ein Beispiel ist der Geist einer Schulklasse, die aus 20 – 30 Individuen besteht. Natürlich gibt es auch so etwas in einem Projektteam. Die Spieltheorie beschreibt ganz gut, wie sich ein kleines Humansystem selbstorganisieren kann.

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