Schlagwort: Gruppendynamik

kritische Worte zum Begriff der Selbstorganisation

kritische Worte zum Begriff der Selbstorganisation

Dieser Artikel erschien erstmals 2014 und wurd am 23.11.2020 redaktionell sowie bzgl. Layout überarbeitet und neu veröffentlicht.

Selbstorganisation ist in vieler Munde. Über die unterschiedlichen Bedeutungen der Schreibweise habe ich bereits geschrieben. In diesem Text möchte ich die Pole aufzeigen, die oft subsumiert und in einen Topf geworfen werden. Obwohl ich Selbstorganisation in einem bestimmten Sinne für ein sehr wünschenswertes Prinzip halte, sehe ich manche Ansätze Selbstorganisation zu erfassen, mit sehr großer Skepsis. Insbesondere Querbezüge und gelegentliche Gleichsetzungen mit Aspekten aus den Naturwissenschaften halte ich für falsch und gefährlich.

Die Wurzeln des Begriffes stammen zwar aus den Naturwissenschaften, jedoch sind die Annahmen, die dort getroffen wurden, nicht ohne weiteres auf “soziale Systeme” übertragbar. Hermann Haken, einer der Begründer der Synergetik, schreibt gleich zu Beginn seines Buches die entscheidenden Sätze1:

In most cases, however, we shall treat systems consisting of very many subsystems of the same kind or of very few kinds.

Der naturwissenschaftliche Ansatz befasst sich mit großen Systemen, die aus vielen gleichartigen bzw. ähnlichen Objekten bestehen. Dementsprechend sind viele mathematische Methoden der Statistik entlehnt. Die Zahlen2 mit denen diese Methoden operieren, liegen weit höher, als dass sie für Projekte oder Organisationen anwendbar wären. Die Annahme, dass die Objekte auf gleichartige oder sehr ähnliche und mathematisch beschreibbare Weise miteinander interagieren, ist unsinnig, wenn wir von Menschen und Beziehungen reden.

Die zur Modellierung notwendigen Variablen lassen sich in Näherung nur für große Gruppen mit sehr geringen Freiheitsgraden finden. So lässt sich z.B. die Dynamik einer La Ola Welle im Sportstadion halbwegs ordentlich beschreiben. Bei der La Ola Welle sind 50 000 Menschen mit minimaler Interaktion, einem Freiheitsgrad der Bewegung und die üblichen Observablen einer Welle zu betrachten. Dafür lassen sich Gleichungen aufstellen, deren Lösungen eine halbwegs ordentliche Beschreibung der Welle liefern. Wird die Gruppe kleiner und die Interaktion komplizierter, scheitert dieser Ansatz sehr schnell.

Die Interaktion von Menschen, die als Individuum sichtbar bleiben, lassen sich nicht mit wenigen Variablen beschreiben. Im Beispiel der La Ola Welle genügt es zu beschreiben ob ein Mensch steht oder sitzt, dazu gibt es noch die Interaktionsregel, dass er nach dem Aufstehen des Neben-Menschen ebenfalls aufsteht, die Arme anhebt und sich dann wieder hinsetzt. Der Versuch die Interaktionen, Beziehungen und Auseinandersetzungen von Menschen in einem Team auf derart einfache Weise zu beschreiben erscheint anmaßend. Ein solcher Versuch würde zudem eine neue und menschenverachtende Dimension des Taylorismus eröffnen.

Ein anderer Bedeutungsschwerpunkt der Selbstorganisation entstammt der agilen Bewegung in der das “selforganized team” beschworen wird. Dies ist mehr im Sinne einer selbst gemachten Organisation zu sehen. Dies geschieht durch Interaktion der Menschen in der Gruppe. Aus der Interaktion entsteht die Gruppendynamik, die im günstigen Fall ein selbstorganisiertes Team hinterlässt3. Auf Interaktion basierende Gruppendynamik hat in den kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten eine natürliche Begrenzung und funktioniert nur für “kleine” Gruppen, in der/die Einzelne als Individuum sichtbar bleibt.

Genau hier liegt der entscheidende Gegensatz: Große Systeme mit gleichartigen Objekten vs. kleine Gruppen mit individuellen Charakteren. Die Übertragung von Methoden der “großen Selbstorganisation” auf die Soziologie und ihre Anwendung im Management halte ich aus den genannten Gründen für falsch und gefährlich.

Menschen sind keine Objekte, die sich mittels einfacher Regeln modellieren lassen.

In diesem Gegensatz ist zudem eine ethische Frage verborgen. Wird der Mensch in einer Organisation als (gleichartiger nicht individueller) Teil eines Systems aufgefasst oder lässt man ihn Mensch bleiben? Wer von Selbstorganisation spricht, hat diese Frage noch nicht beantwortet.

 

  1. Hermann Haken: Synergetics – An Introduction, Springer ISBN 3-540-12356-3, 3. Auflage, p. 17 []
  2. Strukturbildungen in natürlichen Systemen lassen sich gut beschreiben, allerdings sind hier die Teilchenzahlen oft um ein vielfaches größer als z.B. die Zahl aller lebenden Menschen. []
  3. Es gibt durchaus auch Fälle in denen sich aus den gruppendynamischen Konflikten ein Zerbrechen der Gruppe ergibt. []
Selbstorganisation ist nicht gleich Selbst-Organisation

Selbstorganisation ist nicht gleich Selbst-Organisation

Dieser Artikel erschien erstmals 2010 und wurd am 22.11.2020 redaktionell sowie bzgl. Layout überarbeitet und neu veröffentlicht.

Der Begriff der Selbstorganisation hat zwei Aspekte oder Bedeutungen, die zwar Ähnlichkeiten aber auch fundamentale Unterschiede aufweisen. Gelegentlich werden zur Differenzierung auch zwei Schreibweisen (mit oder ohne Bindestrich) verwendet1.

Ich möchte mir der älteren Bedeutung aus der Systemtheorie beginnen. Die aus der Systemtheorie stammende Bedeutung kann im entsprechenden Wikipedia-Beitrag nachgelesen werden. Die Wurzeln des Begriffs stammen aus der Chaos-Theorie und der Synergetik. In einem wichtigen Buch schreibt einer der Begründer der Synergetik Hermann Haken gleich zu Beginn die entscheidenden Sätze2:

The objects we shall investigate in our book may be quite different. In most cases, however, we shall treat systems consisting of very many subsystems of the same kind or of very few kinds.

Ich halte fest: Es geht um sehr große Systeme mit sehr vielen gleichartigen Objekten.3

Der zweite Bedeutungsschwerpunkt entstammt der agilen Bewegung in der das “selforganized team” beschworen wird. Dies ist mehr im Sinne einer selbst gemachten Organisation zu sehen. Dies geschieht durch Interaktion der Menschen in der Gruppe. Aus der Interaktion entsteht die Gruppendynamik, die im günstigen Fall ein selbstorganisiertes Team hinterlässt4.

Auf Interaktion basierende Gruppendynamik hat in den kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten eine natürliche Begrenzung und funktioniert nur für “kleine” Gruppen, in der/die Einzelnen auch als Individuum sichtbar bleiben.

Genau hier liegt der entscheidende Gegensatz: Große Systeme mit gleichartigen Objekten vs. kleine Gruppen mit individuellen Charakteren. Auch wenn die Methoden der “großen Selbstorganisation” auf die Soziologie übertragen werden und ihre Anwendung im Management angepriesen werden, halte ich dies nicht für sinnvoll. Hier zitiere ich nochmals Hermann Haken. Im letzten Kapitel schreibt er über die Anwendbarkeit in der Soziologie:

On the other hand, within the spirit of this book, we have seen that in systems with many subsystems there exist at least two levels of description: One analysing the the individual system and the other one describing the statistical behavior using macroscopic variables.

Er führt weiter aus, dass für die Anwendung in der Soziologie, die relevanten makroskopischen Variablen, die das System gut beschreiben, gefunden werden müssten. Genau da liegt das Problem. Diese Variablen lassen sich allenfalls in gröbster Näherung für große Gruppen mit geringen Freiheitsgraden finden. So lässt sich die Dynamik einer La-Ola Welle im Fußballstadium ganz gut beschreiben. Wird die Gruppe kleiner und die Interaktion komplizierter, scheitert dieser Ansatz sehr schnell. Bei der La-Ola-Welle sind 50 000 Menschen mit minimaler Interaktion, ein Freiheitsgrad der Bewegung und die üblichen Observablen einer Welle zu betrachten. Um das Verhalten einer Abteilung einer Firma zu beschreiben genügt es nicht mehr zu notieren ob der Mensch steht oder sitzt.

In diesem Gegensatz ist zudem eine ethische Frage verborgen. Wird der Mensch in einer Organisation als (gleichartiger nicht individueller) Teil eines Systems aufgefasst oder lässt man ihn Mensch bleiben? Wer von Selbstorganisation spricht hat diese Frage noch nicht beantwortet. Die Antwort liegt darin verborgen von welcher Selbst(-)Organisation gesprochen wird.

 

  1. Thomas Schneider hat in einem Kommentar eines früheren Beitrag hier im Blog auf eine Bedeutungsdifferenz von SO via S-O hingewiesen. []
  2. Hermann Haken: Synergetics – An Introduction, Springer ISBN 3-540-12356-3, 3. Auflage, p. 17 []
  3. Dementsprechend sind viele mathematische Methoden der Statistik entlehnt. Ein anderer Teil der verwendeten Mathematik entstammt dem Werkzeugkasten der nichtlinearen Differentialgleichungen. []
  4. Es gibt durchaus auch Fälle in denen sich aus den gruppendynamischen Konflikten ein Zerbrechen der Gruppe ergibt. []
Kollektive Problemlösungskompetenz #MethodeEgal

Kollektive Problemlösungskompetenz #MethodeEgal

Im voran gegangenen Text hatte ich die gruppendynamische Reife als wichtigsten Erfolgsfaktor bezeichnet. Das lässt sich einfach erklären.
  • Reife Gruppen zeichnen sich durch ein funktionierendes Vertrauensnetz aus, die Phase der Konflikte und Schuldzuweisungen wurde überwunden.
  • Projekte zeichnen sich durch Neuartigkeit, Kompliziertheit und manchmal Komplexität aus. Es liegt also in ihrer Natur, dass unvorhersehbare Fragestellungen, Herausforderungen und Schwierigkeiten auftauchen. Herausforderungen zu bewältigen und Probleme zu lösen gehört damit zum zwangsläufig zum Projektalltag.
  • Problemlösung lebt vom Ausprobieren neuer Ideen. Allerdings führt nicht jeder Lösungsansatz zum Ziel. So sehr wir es auch wünschen, an „Versuch und Irrtum“ führt kein Weg vorbei.
  • Wenn in der Gruppe Konflikte und Schuldzuweisungen an der Tagesordnung sind, wird niemand riskieren etwas versuchen, um sich nicht der Gefahr potentieller Schuldzuweisungen auszusetzen.
Zerstrittene Haufen können keine komplizierten Probleme lösen und müssen auf Wunder und singuläre Eingebungen hoffen. Letzteres funktioniert leider ganz selten und lässt sich auch nicht planen.  
Gelingende Kooperation  #MethodeEgal

Gelingende Kooperation #MethodeEgal

Dieser Text ist Teil der Blogparade des Projekt-Magazins. Als Startpunkt meiner Gedanken zitiere ich Stephan Witt, der ebenfalls schon zur Blogparade geschrieben hat:

Meiner Ansicht nach, ist die Methode nicht egal. Die Methode muss zum Projekt, aber vor allem zu jedem einzelnen Mitarbeiter des Teams passen. Projekte erfordern Höchstleistung des gesamten internen und externen Teams. Der Projektleiter muss die richtige Methode wählen, um Stärken seines Teams zu fördern und die Schwächen auszugleichen.

Damit ist m.E. fast alles zum Thema Methode gesagt. Ich möchte an einer Stelle noch einen Aspekt ergänzen. Es geht nicht nur um Stärken und Schwächen eines Teams sondern auch um die gelingende Kooperation der Menschen, also das was ein Team  ausmacht.

Aus meiner persönlichen Erfahrung und verschiedenen wissenschaftlichen Untersuchungen habe ich folgende Erkenntnis gewonnen. Der Erfolg eines Projektes hängt am stärksten von der gruppendynamischen Reife der Projektgruppe ab. Den Begriff des Teams verwende ich nur für eine Gruppe, die eine hohe Reife hat, d.h. gut zusammenarbeiten kann. Zur umgangssprachlichen Abgrenzung des Teams verwende ich noch die Begriffe der Projekt- oder Arbeitsgruppe bzw. des “zerstrittenen Haufens”. Wenn wir annehmen, dass ein Projekt mit einer mehr oder minder geeignet zusammengestellten Gruppe zu arbeiten beginnt, lässt sich die Aufgabe der Projektleitung in einen externen bzw. internen Aspekt aufteilen und mit folgenden Fragen charakterisieren:

  • Extern: Wie stelle ich sicher, dass am Ende des Projektes halbwegs das heraus kommt was der Kunde will.
  • Intern: Wie stelle ich sicher, dass die Gruppe ihre Kooperationsfähigkeit verbessert und zum Team wird? Oder anders formuliert: Wie verhindere ich, dass die Gruppe zum zerstrittenen Haufen wird?

Heute möchte ich mich auf den internen Aspekt konzentrieren, nehme also an, dass der Projektgegenstand bzw. der Liefergegenstand hinreichend klar ist bzw. im Laufe des Projektes hinreichend klar gemacht wird. Konkret stelle ich mir die Frage welche Fähigkeiten muss ein(e) Projektleiter*in haben um die Kooperation verbessern zu können? Ich denke die Antworten lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen:

  • Weitreichende Methodenkenntnis und die Flexibilität die Methode zu wechseln.
  • Empathie um erspüren zu können, dass sich die Menschen in der Gruppe sich nicht (mehr) wohl fühlen.
  • Psychologisches und soziologisches Basiswissen um das Erspürte in Ansätzen verstehen zu können.
  • Reflektiertes Bewusstsein über den eigenen präferierten Führungsstil und dessen Auswirkung auf Gruppen und deren Dynamik.
  • Bereitschaft den eigenen Führungsstil situativ an die Situation und die Gruppe anzupassen.

Das hört sich sehr viel einfacher an als es ist. Den präferierten Führungsstil bewusst anzupassen, bedeutet nichts anderes als die Komfortzone weit hinter sich zu lassen. Das ist es worauf sich Projektleitende einlassen müssen. Zu guter Letzt doch ein Schlagwort: Agilität – die muss vor allen anderen der/die Projektleitende haben.

   
Team und Führungsstil oder die Qual der Wahl

Team und Führungsstil oder die Qual der Wahl

Nicht jedes „Team“ ist für jede Aufgabe geeignet. Die innere Struktur, Führungsprinzipien und Muster können und müssen sich unterscheiden. Diese Unterschiede bedingen oder verursachen unterschiedliches Führungsverhalten. Der Feuerwehrtrupp benötigt Kommandanten das selbst organisierte Team eher Moderator*innen. Bewusste und “passende” Führungswechsel minimieren emotionalen Stress und erhöhen die Effizienz.

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