Komplexität wird überbewertet

Im vorangegangen Artikel hatte ich das Thema Komplexität schon andiskutiert. Heute möchte ich einige Gedanken ergänzen und eine These formulieren. Im Kern ist sie schon in der Überschrift formuliert. In den letzten Tagen habe ich mir die Mühe gemacht Projekte meiner Laufbahn bzgl. Komplexität genauer anzuschauen. Ich habe einige gefunden, die man als komplex bezeichnen könnte, ein Teil der komplexen war erfolgreich, ein anderer Teil nicht. Sind die nicht erfolgreichen an der Komplexität gescheitert? Zumindest für meinen Erfahrungskontext muss ich diese Frage mit NEIN beantworten. Die Ursachen waren geradezu banal.

Bevor ich weiter über die Komplexität rede möchte ich den Begriff und seine Abgrenzungen noch etwas einfacher1 fassen. Konkret möchte ich drei Begriffe in den Blick nehmen: einfach, kompliziert, komplex.

Bei einem einfachen Zusammenhang gibt es eine leicht überschaubare, kausale Wirkungskette. Ein Schalter wird geschlossen, Strom fließt, die Lampe beginnt zu leuchten – das ist einfach. Es wird kompliziert, wenn die Wirkungskette kausal aber nicht mehr leicht zu überschauen ist. Obenstehendes Video zeigt einen komplizierten Vorgang bis die Kamera ausgelöst wird und das Blitzlicht leuchtet. Das ist aber noch nicht komplex. In einem komplexen Zusammenhang geht die kausale Wirkungskette verloren. Das Leuchten des Lichts hängt dann nicht mehr vom Drücken eines Schalters ab. Es kommen unbekannte und nicht hinreichend genau erfassbare Störgrößen hinzu die die Wahrscheinlichkeiten verändern, dass das gewünschte Ergebnis (es werde Licht) eintritt.

die Wettervorhersage

Ein alltägliches und komplexes Phänomen ist das Wetter und die Vorhersage desselben. So hoch die Genauigkeit der Satellitenaufnahmen, die Menge der Wetterstationen und die Rechenleistung der Computer auch sein mag eine präzise Wettervorhersage über einen längeren Zeitraum hinweg wird nie funktionieren. Der sprichwörtliche Flügelschlag eines Schmetterlings kann die beste Prognose verhageln. Wenn ich als Fußgänger jeden Tag ins Freie muss und über die Unzuverlässigkeit von Wettervorhersagen weiß, ist das ständige Mitführen eines kleinen Schirms in der Aktentasche die bessere Alternative als die Beschaffung weiterer Wetter-Apps. Selbst wenn die ultimative Wetter-App schon erfunden wäre, könnte diese das Nässe-Problem nicht lösen. Ohne den Schirm würde ich doch wieder im Regen stehen. Die 100% zuverlässige Wettervorhersage könnte mir nur ersparen den Schirm jeden Tag mitzunehmen. Das aber wohlgemerkt nur dann wenn ich mich an den geplanten Tagesablauf halte und zur richtigen Zeit am vorhergesagten regenfreien Ort bin. Wenn sich aus irgendeinem nicht vorhersehbaren Grund (z.B. Zugverspätung) eine Änderung ergibt kann es wieder passieren, dass ich im Regen stehe und mich freue wenn ich den Schirm doch eingepackt habe.2

Vom Wetter zurück zum Projekt

Projekte sind – auch wenn es schick ist über Komplexität zu reden – mitnichten so oft komplex wie es den Anschein hat. Sie sind zwar gelegentlich in komplexe Umgebungen eingebettet. Das heißt aber nicht, dass der Kern des Projektes selbst auch komplex sein muss, noch heißt es, dass die Komplexität des Umfelds betrachtet, verstanden oder gar kontrolliert werden muss.

Vielleicht sollten wir, statt das „Management“ auf eine neue Ebene zu heben um Komplexität in den Griff zu bekommen versuchen gemäß dem Vorbild der Natur die Komplexität durch Filterung teilweise ausblenden und so die Komplexität bewusst aus dem Projekt herauszuhalten. Statt immer noch mehr Parameter zu betrachten wäre die bewusste Reduktion auf wenige und eine vorausschauende Reaktion auf diese wenigen vielleicht erfolgversprechender.

Dann gibt es noch Projekte, die künstlich verkompliziert werden bis sie den Anschein von Komplexität erwecken. Hier wäre mit wenigen Abgrenzungen und Entscheidungen viel erreicht. Manchmal beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die Verkomplizierung bewusst betrieben wird um ein aufwändiges Management zu rechtfertigen3. Ich habe es selbst schon oft erlebt, dass klare einfache Projektideen mit großen Erfolgsaussichten aufgebläht wurden bis nicht mehr steuerbare Konglomerate an Vorhaben und Teilprojekten entstanden.

Zu guter Letzt frage ich mich ob wir von Projekten, die wirklich und wahrhaftig komplex sind und keinen Ansatz zur Reduktion4 bieten, vielleicht öfters mal die Finger lassen sollten.

  1. Komplexität bezeichnet allgemein die Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt. Definition, siehe Wikipedia []
  2. Ich habe dieses Beispiel bewusst gewählt weil ich genau in diese Falle getappt bin. In diesem Jahr pendle ich viel zwischen München und Stuttgart. Um das Gepäck zu minimieren hatte ich mir angewöhnt auf die Wetter-Vorhersage-App auf meinem Telefon zu schauen, als nächstes kam dann noch ein weiterer Online Wetter-Service dazu, es folgte das doppelte Widget für Stuttgart UND München. Und das Ergebnis: zu Beginn des Jahres stand ich ohne warme Jacke und Schirm im dichten Schneetreiben. Am Tag darauf habe ich mir einen kleinen Schirm gekauft, der genau in meine Umhängetasche passt. Diesen trage ich jetzt immer mit mir rum. []
  3. In seltenen Fällen habe ich den Eindruck, dass sich im Nebel der Pseudo-Komplexität Schlampereien und ggf. Unredlichkeiten besser verstecken lassen. []
  4. Reduktion im Sinne der Filterung, siehe Wikipedia: Komplexität durch Filterung []

so einfach wie möglich

Während des PM Camps in Dornbirn habe ich mit Kollegen spannende Diskussionen unter anderem auch zum Thema Komplexität geführt. Nach einigem Überlegen komme ich zu dem Schluss, dass ich den Begriff der Komplexität im Projekt-Kontext künftiger weniger oft verwenden will als bisher. Eine Definition von Komplexität lautet1.

Komplexität bezeichnet allgemein die Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt

Wenn ich diese Definition im Sinne der Worte ernst nehme ist jedes projektartige Vorhaben komplex. Um die Komplexität im Griff zu halten – was genau genommen ohnehin nicht geht – wird das Management immer aufwändiger. Ist das wirklich zielführend? Ich stelle einen Gegenvorschlag in den Raum: “Das was gemeinhin als Projekt-Management bezeichnet wird sollte sich nicht die Aufgabe ans Bein binden mit der Komplexität umzugehen, sondern dafür zu sorgen, dass die Zahl der unbekannten Größen sinkt.” Mit bekannten Größen kann man arbeiten mit unbekannten nicht … Fortsetzung

  1. aus Wikipedia: Komplexität []